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Die Heimat der Buddenbrooks - vom Mythos des Schriftstellers Thomas Mann
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Von der Hassliebe zur Heimat
 
Ich wäre wohl auch weggegangen, so wie Thomas Mann, und hätte mit meiner Vaterstadt gebrochen. Es gibt Städte oder Gegenden, in denen man als junger Mensch nicht bleiben kann, nicht, weil sie so schrecklich wären oder langweilig, nein, die Altstadtinsel von Lübeck ist zweifelsohne malerisch, die Ostsee ist nah und der Menschenschlag freundlich-herb.
 
Aber: Es ist eng, irgendwie bedrückend, gerade für junge Menschen. Natürlich, irgendetwas lässt sich schon finden, man kann vertraute Wege gehen oder sich arrangieren: In Lübeck müsste man sich etwa für Medizintechnik begeistern oder für Marzipan oder hoffen, dass die Seefahrt eine Zukunft hat.
 
Thomas Mann kehrte seiner Stadt früh den Rücken, er floh in den leichtlebigen Süden, nach München und weiter nach Italien. Lübeck, sagte er einmal, sei für ihn "der entfernteste Ort Deutschlands". Auch sein Bruder Heinrich verließ Lübeck, um nie wiederzukehren. Nicht so Thomas Mann: In der Ferne besann er sich auf seine Wurzeln, scheinbar hatte er das Bedürfnis, seine Kindheit zu verarbeiten. In den "Buddenbrooks" beschrieb er so meisterhaft den Verfall einer reichen Kaufmannsfamilie, den Niedergang seiner Familie, dass er dafür 1929 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
 
Kein Wunder, denn Thomas Mann hatte diesen Roman nicht einfach erdacht, sondern viele Einzelheiten gelebt. Und es ist auch kein Wunder, dass die Lübecker ihm diesen Roman übel nahmen, dass sie Thomas Mann als Heimatlosen, als Entwurzelten, als Verräter beschimpften, und dass es mehr als 50 Jahre dauerte, bis sie sich mit ihrem Nobelpreisträger versöhnten.
 
Dabei hat sich Thomas Mann wohl nie wirklich von seiner Heimat gelöst, immer wieder kreisen seine Gedanken um die alte Hansestadt. Eine Art Hassliebe? Nichts Ungewöhnliches: Manch einer will sich mit aller Macht von seiner Heimat, von seiner Herkunft lösen, um dann in der Ferne erkennen zu müssen, wie sehr er von all dem geprägt ist, wie sehr er all das schätzt, wogegen er sich so lange gesträubt hat. Als junger Mensch bereits hatte Thomas Mann einen "Jahrhundertroman" geschrieben, weil er ein Stück Seelengeschichte getroffen hatte, denn sein Lübeck ist überall - er selbst nannte dies später: Lübeck als geistige Lebensform.
 
Autor
 
Alexander Freund, Internatszögling auf dem platten Land; studierte, was ihn noch heute interessiert, also Politische Wissenschaft, Vergleichende Religionswissenschaft, Kunstgeschichte und Japanologie. Journalistische Lehrjahre beim WDR, die Asienkrise bei Radio Korea International in Seoul erlebt, seit 1998 Redakteur und Moderator im Funkjournal der Deutschen Welle. Träumt vom Süden, schwärmt für Asien und leidet unter latentem Fernweh.
 
Zitat
 
"Der Geruch des Marzipans und die Präsenz der Dynastie Mann - das sind nicht die einzigen Erinnerungen, die man aus Lübeck mitnimmt. Nein, es sind vor allem die einmaligen Fassaden und eine Innenstadt, die von glorreichen vergangenen Tagen erzählen. Dies ist es, was im Gedächtnis haften bleibt und zum erneuten Verweilen einlädt. Lübeck, die einstige Perle des Nordens, die Königin der Hanse, die ihren angemessenen Platz in der Zukunft sucht und sicherlich auch finden wird."
 
George Khoury (Palästinenser aus der Nahostredaktion)

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